Leser-Obmann Volksstimme

Peter Wendt
Peter Wendt

Peter Wendt ist Leser-Obmann der Magdeburger Volksstimme. Zuvor war er stellvertretender Chefredakteur.

 

Peter Wendt vermittelt zwischen Lesern und Redaktion und achtet darauf, dass journalistische Grundsätze eingehalten werden.


www.volksstimme.de/leserobmann

 

Kolumne mit Scharnierwirkung (Bericht drehscheibe)

Hier beispielhaft einige Veröffentlichungen des Leser-Obmanns

Volksstimme, 13. November 2017
Volksstimme, 13. November 2017
Volksstimme, 23. März 2015
Volksstimme, 23. März 2015
Volksstimme, 23. Februar 2015
Volksstimme, 23. Februar 2015
Volksstimme, 26. Januar 2015
Volksstimme, 26. Januar 2015
Volksstimme, 20. Januar 2015
Volksstimme, 20. Januar 2015
Volksstimme, 12. Januar 2015
Volksstimme, 12. Januar 2015

Wenn der Krimi nicht als Imagefilm der Stadt taugt

Eine Magdeburger Leserin hat mir die Besprechung des jüngsten „Polizeirufs 110“, die sie in der „Saarbrücker Zeitung“ gefunden hatte, zugeschickt. Sie verband damit die Aufforderung, diese auf unserer Leserseite zu veröffentlichen, „um den pessimistischen Kritikern zu zeigen, wie man in anderen Bundesländern über die realitätsnahe Darstellung von Vorkommnissen in Magdeburg (und anderen Großstädten) denkt“. Die Rezension, die hier nachzudrucken freilich nicht möglich ist, endete mit dem Wunsch des Rezensenten: „Davon bitte mehr!“

 

Ganz anders sahen dies zahlreiche Volksstimme-Leser und facebook-Nutzer, deren Meinungen wir veröffentlicht haben. Sie hätten ihr Magdeburg in dem Film nicht wiedererkannt, hieß es, die Stadt sei dargestellt worden, „als handele es sich um das letzte Drecknest in der Ostzone“, schrieb einer gar.

 

Der jüngste „Polizeiruf 110“  hat in der Tat polarisiert. Das führte – nebenbei bemerkt – auch dazu, dass unsere eigene Rezension nicht nur auf Zustimmung stieß.

 

Die große Enttäuschung, die in vielen Wortmeldungen zum Ausdruck kommt, ist wohl in erster Linie zu hohen Erwartungen der Magdeburger an die TV-Produktion in ihrer Heimatstadt geschuldet. Von vornherein war klar, dass ein Kriminalfilm gedreht würde und nicht ein Imagefilm zur Unterstützung der Ottokampagne der Landeshauptstadt. Ein Kriminalfilm lebt aber nun mal von der Spannung, die sich durch die Dramatik der Ereignisse aufbaut, welche nicht zuletzt durch Überhöhung und Zuspitzung entsteht. Dass er dabei das soziale Umfeld in den Fokus nimmt, das die Filmemacher vorfinden (oder vielleicht auch nur vorzufinden glauben), gehört dazu. Ein „Polizeiruf 110“ aus Magdeburg im Milieu der Münchener Schickeria würde vermutlich schönere Stadtansichten zeigen, mit der Realität hätte er aber noch weniger zu tun.

 

Doch vielleicht hat der mdr ja ein Einsehen und produziert in Magdeburg mal eine fröhliche Familienserie mit schönen Bildern und bar jeglicher Drogen-, Alkohol-, Ehe- und sonstiger Alltagsprobleme. Das wär’s doch, oder doch nicht?

Datenschutz ein Muss in der Arbeit der Redaktion

Wir Journalisten sind gehalten – und das ist uns auch wichtig –, mit persönlichen Daten von Lesern und Informanten ganz umsichtig umgehen und gewissenhaft zwischen Pressefreiheit und Datenschutz abwägen. Darüber wacht der Presserat. Er nimmt im Gefüge des Datenschutzrechts dank der im Grundgesetz verankerten Pressefreiheit eine Sonderrolle ein und kann inzwischen auf zehn Jahre Erfahrung in der Freiwilligen Selbstkontrolle Redaktionsdatenschutz zurückblicken. „Datenschutz ist ein großes Wort, er beginnt aber im Kleinen“, so Katrin Saft, die Vorsitzende des Ausschusses für Redaktionsdatenschutz.

 

Leserbriefe, die mit vollständiger Adresse in der Zeitung veröffentlicht werden; Leseranfragen, die ungefiltert an Behörden weitergeleitet werden; identifizierende Berichterstattung mit Namensnennung und persönlichen Angaben – das alles hat es bei Zeitungen gegeben und folgerichtig den Ausschuss beschäftigt. Zwischen Februar 2010 und Dezember 2013 hatte er rund 125 Beschwerden zu behandeln. Diese werden im Tätigkeitsbericht zum Redaktionsdatenschutz dokumentiert, den der Presserat jetzt veröffentlicht hat (www.presserat de).

 

Im Blickpunkt steht dabei immer wieder die Ziffer 8 des Pressekodexes, die grundsätzliche Orientierung zu Fragen der anonymisierenden oder identifizierenden Berichterstattung, zur informationellen Selbstbestimmung und zum Schutz der Persönlichkeit gibt. Eine novellierte Fassung von Ziffer 8, die dem veränderten Verständnis vom Verhältnis von öffentlichem Interesse und Persönlichkeitsrechten Rechnung trägt, hatte der Presserat im März 2013 verabschiedet.

 

Wie Janina Führ, Referentin Recht und Redaktionsdatenschutz, betonte, habe der regelmäßige Austausch mit Datenschützern aus Verlagen und mit Landesdatenschutzbeauftragten und nicht zuletzt auch dem Bundesdatenschutzbeauftragten „die Arbeit des Presserats stets weiter gebracht und fruchtbarer gemacht“. Und davon profitierten auch wieder die Redaktionen, die den Presserat in Bezug auf den Redaktionsdatenschutz immer häufiger konsultierten.

Ein „Skandal“, der uns nur wenige Zeilen wert war

Ich muss gestehen, dass ich auch ein wenig irritiert war, als ich im Fernsehen auf der Siegerparty am Brandenburger Tor in Berlin den „Gaucho-Tanz“ unserer Weltmeister sah (und die Erklärung des Moderators dazu hörte). Meine Ahnung, dass der Spaß den Jungs auf die Füße fallen könnte, sollte sich zumindest teilweise bestätigen. Die Siegerpose, der getanzte Ausdruck des Triumphes über den Finalgegner wurde in der vergangenen Woche in den sozialen Netzwerken schnell zum „Gauchogate“. Der „Skandal“ drohte kurzfristig die Freude über den Weltmeistertitel zu trüben, einen Schatten auf den glänzenden Sieg zu werfen, gar zum Politikum zu werden. Der Aufschrei hatte gar nicht ausbleiben können. Und er zog folgerichtig Empörung über die Empörung nach sich. So unterschiedlich wie die Reaktionen auf den „Gaucho-Tanz“ in den Medien und Netzwerken waren auch die Äußerungen von Volksstimme-Lesern.

 

Doch worin bestand eigentlich der Skandal? Miroslav Klose, Roman Weidenfeller, Shkodran Mustafi, André Schürrle, Mario Götze und Toni Kroos hatten einen in deutschen Stadien beliebten Fangesang auf die unterlegenen Argentinier umgedichtet. In gebeugter Haltung sangen sie „So geh’n die Gauchos“ und später aufgerichtet hinzugefügt „So geh’n die Deutschen“. Für die einen war die Geste respektlos und peinlich, auch der Vorwurf des Rassismus und der deutschen Überheblichkeit war schnell erhoben. Die anderen sahen in dem „Gaucho-Tanz“ allerdings das, was er wohl tatsächlich war: ein Rumblödeln im Siegestaumel. So und nicht anders ist es immer wieder und überall in den Stadien zu erleben ist, wo sich die Fans nach dem Sieg der Ihren schon mal gern auch über den Gegner lustig machen. Man kann das auch als „Fankultur“ bezeichnen. Und die lebt ja bekanntlich nicht zuletzt von Zuspitzungen, zwangsläufig von der Kontroverse.

 

Deshalb finde ich es angemessen, dass wir dem „Gauchogate“ auf unseren Sportseiten nur wenige Zeilen gewidmet haben und bin froh, dass das Thema schnell wieder vom Tisch war. Was soll’s auch? Schließlich ist nach dem WM-Sieg feiern angesagt und nichts anderes.

Warum sich eine Zeitung bei Clooney entschuldigte

Der Vorgang war nicht alltäglich. Eine britische Tageszeitung, die „Daily Mail“, hat sich bei George Clooney entschuldigt. Da es am Ende um Wahrheit und Wahrhaftigkeit in der Berichterstattung ging, ist dies, wie ich finde, über den eigentlichen Anlass hinaus der Betrachtung wert.

 

Clooney, dessen Film „Monuments Men“ auch an Drehorten in Sachsen-Anhalt entstanden war und der während der Dreharbeiten ein Ilsenburger Hotel für mehrere Wochen zu seiner Residenz gemacht hatte, war wegen einer – wie er sagte – „komplett erfundenen Geschichte“ gegen das Boulevard-Blatt vorgegangen.

 

Die „Mail“ hatte unter Berufung auf „enge Freunde der Familie“ berichtet, die Mutter seiner libanesischen Verlobten Amal Alamuddin sei gegen die Hochzeit, weil Clooney nicht der Religionsgemeinschaft der Drusen, wie die Familie seiner Braut, angehöre. Der Schauspieler stellte in der Zeitung „USA Today“ klar, dass seine Verlobte weder drusisch, noch seine künftige Schwiegermutter gegen eine Heirat sei. „Die Unverantwortlichkeit, in dieser Zeit religiöse Unterschiede auszuschlachten, wo gar keine sind, ist mindestens nachlässig, wenn nicht gefährlich“, schrieb Clooney.

 

Die Boulevard-Presse im Allgemeinen und die britische im Besonderen mag nach eigenen Regeln „spielen“. Wir halten es jedenfalls so, dass Grundlage einer glaubwürdigen Berichterstattung eine sorgfältige Recherche ist. Dazu gehört, eine Quelle auf ihre Verlässlichkeit zu überprüfen, weitere Quellen zur Bestätigung des betreffenden Sachverhaltes hinzuzuziehen, Expertenwissen zur Einordnung von Fakten und für Hintergrundinformationen zu erschließen sowie die Texte auf Plausibiliät und Richtigkeit der Fachausdrücke zu überprüfen.

 

Das gehört zum journalistischen Handwerkszeug und wird schon jedem unserer Volontäre eingebläut. Und das ist auch die Voraussetzung dafür, dass wir unserem eigenen Volksstimme-Anspruch gerecht werden, „so umfassend, wahrheitsgemäß und unvoreingenommen wie möglich“ zu berichten.

Wo der Leser-Obmann passen muss

Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt!“ Die Anruferin, die nach eigenen Angaben vor noch nicht allzu langer Zeit in den kleinen Altmark-Ort gezogen war, zitierte gar aus Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“, um ihr Anliegen deutlich zu machen. Sie suchte Hilfe, weil es Probleme im Zusammenleben im Dorf gab, auf gut Deutsch: Nachbarschaftsstreit. „So viel Ungerechtigkeit“ widerfahre ihr, klagte sie ihr Leid.

 

Der literarischen Referenz zum Trotz – ich musste die Ausführungen der Anruferin resolut unterbrechen. Denn: Streit mit Nachbarn – das will ich an der Stelle noch einmal betonen – gehört zu jenen Fällen, in denen der Leser-Obmann nicht eingreifen darf und lediglich an eine Rechtsberatung vom Rechtsanwalt verweisen kann – was ich gewöhnlich auch tue. Grundsätzliches regelt im Übrigen das Nachbarschaftsgesetz des Landes Sachsen-Anhalt.

 

Natürlich schafft es der eine oder andere Nachbarschaftsstreit durchaus in die Zeitung (freilich nicht über den Leser-Obmann) oder auch in die überregionalen Medien. Dazu muss er nur Relevanz für die Öffentlichkeit erlangen oder aber skurril genug sein. Wer erinnerte sich nicht an den Maschendrahtzaun im vogtländischen Auerbach, durch den ein Knallerbsenstrauch gewachsen war! Zunächst, im Oktober 1999, ein Fall für Richterin Barbara Salesch beim Sender Sat.1, machte der „Maschendrahtzaun“ schließlich bundesweit richtig Furore, als TV-Moderator Stefan Raab darüber ein Lied machte.

 

Ein Nachbarschaftsstreit ist freilich alles andere als eine spaßige Angelegenheit, über Beispiele berichtete auch schon die Volksstimme. Glücklicherweise ist solcher aber nicht die Regel, wie Zuschriften an den Leser-Obmann belegen. So schrieb mir eine aus Baden-Württemberg ins Jerichower Land zugezogene Leserin: „Ich habe, seit ich hier bin, nur liebe Mitmenschen erlebt, die noch auf den Einzelnen zugehen, Nachbarschaftshilfe angedeihen lassen und zusammen Feste feiern.“ Deshalb könne sie ihren Schritt nicht bereuen, unterstrich die Frau.