Selbstkritik vor Fremdkritik / Zahl der Ombudsstellen in Deutschland steigt

Der Medienethiker Dr. Philippe Merz und der Medienwissenschaftler Prof. Roger Blum waren Referenten bei der 15. offenen Tagung der Vereinigung der Medien-Ombudsleute in Freiburg bei der Badischen Zeitung. Jürgen Kandziora (Leseranwalt Oberpfalz Medien) hat ihre Vorträge zusammengefasst.

 

Auf große Zustimmung in den VDMO-Reihen stießen die Ausführungen des Medienethikers Dr. Philippe Merz von der Thales-Akademie für Wirtschaft und Philosophie in Freiburg. Der erste Referent des zweiten Tages des VDMO-Treffens bei der Badischen Zeitung sprach über "Medienethik in Zeiten der Digitalisierung". Er schickte unter anderem voraus, dass das Informationsmonopol und die Deutungshoheit der klassischen Medien der Vergangenheit angehörten, was bei diesen zu verschiedensten Reaktionen führe: Aufbruch, Verunsicherung, Abwehr, aber auch Überheblichkeit.

Selbstkritik vor Fremdkritik

Die Medienethik, so erläuterte Merz, reflektiere die Bedingungen, die Qualität und die Ausrichtung medialer Handlungen - insbesondere die moralische Verantwortung von Journalisten und Medienunternehmen für die Bedingungen und Folgen ihrer Berichterstattung. Merz nannte drei Dynamiken, in die die Medienethik eingebettet sei:

  1.  Die Ökonomisierung (hartes Wettbewerbsumfeld; Spardruck in den Redaktionen; Anzeigen-fixierter Klick-Journalismus in Online-Medien; der Journalist nicht mehr als Berichterstatter über die öffentlichen Belange im Dienst der Bürger, sondern als Dienstleister des Kundeninteresses).
  2. Die Beschleunigung (der Schnellste gewinnt, nicht derjenige, der am besten recherchiert hat). Ergebnis eins: Der Veröffentlichungsdruck verringert Zeit und Muße für eine gesicherte und eigenständige Urteilsbildung vor der Veröffentlichung, was ein Sinken der Qualität zur Folge hat. Ergebnis zwei: Die Neigung zur reißerischen Schlagzeile wächst.
  3. Die Individualisierung (mediale Gemeinschaftserlebnisse nur noch bei Live-Ereignissen; individualisierte Algorithmen steuern Konsum; "Echo-Kammern"; "Filter Bubbles").

Doch es gebe Lösungen, sagte Merz. So regte er an, Korridore der Entschleunigung zu finden für die Überprüfung von Informationen, eine eigenständige Urteilsbildung und eine differenzierte Sprache. Auch sei es wichtig, mehr "inhaltliche Expertise" zu entwickeln. Nachricht und Kommentar müssten transparenter und konsequenter getrennt werden. Daraus resultiere die Absage an die Illusion der Unparteilichkeit. Merz schlug ferner vor, eine Kultur der Ausgewogenheit und Nicht-Zuspitzung zu pflegen. Er hält es für sinnvoll, Fehlerkultur und Transparenz vorzuleben: Selbstkritik sollte dabei immer vor Fremdkritik stehen. Und es gehe darum, die Funktionsbedingungen des Journalismus zu erklären. Merz zitierte den Philosophen Hans-Georg Gadamer: "Der Andere könnte Recht haben." Ein Fazit von Merz lautete: "Wir brauchen eine neue Haltung zu den ideellen und ökonomischen Zielen von Qualitätsjournalismus."

Vortrag Dr. Philippe Merz

Zahl der Ombudsstellen in Deutschland steigt

"Medien-Ombudsleute im internationalen Vergleich" war der zweite Vortrag an diesem Vormittag überschrieben. Prof. Roger Blum, Medienwissenschaftler und Ombudsmann der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG), beleuchtete zunächst die Aspekte der Medienregulierung und nannte als Beispiele der Selbstregulierung unter anderem Ombudsstellen und Presseräte. Im Vergleich zu Presseräten und Beschwerdeinstanzen seien Ombudsleute näher am Publikum und bei den Redaktionen, freier in der Argumentation und schneller im Abschluss der Verfahren.

 

In Europa gibt es laut Blum 32 Länder mit Presseräten, 13 mit Ombudsstellen und 12 mit beidem. Weltweit seien es 100 Länder mit Presseräten, 25 mit Ombudsstellen und 21 mit beidem. Was die USA angeht, sprach Blum von einem "alleingelassenen Publikum", da ein dort ein eklatanter Rückgang der Ombudsstellen festzustellen sei.

 

Deutschland attestierte Blum einen "Aufwind in Print": Er verwies auf den Deutschen Presserat und inzwischen 18 Ombudsleute laut VDMO. Blums Fazit am Ende seiner Ausführungen: In keinem Land gebe es flächendeckend Ombudsstellen, am weitesten seien hier Deutschland und die Schweiz.