Wider den bösen Verdacht / Warum Medien dem Vorwurf der Manipulation ausgesetzt sind und was man dagegen tun kann

Von Detlef Schönen (Ombudsmann NRZ)

 

Medien machen Fehler. Zeitungen machen Fehler. Ombudsleute machen auch Fehler. „Die Fehleranfälligkeit ist grundlegend für den Journalismus“, sagt der Medienwissenschaftler Professor Horst Pöttker, „deswegen ist es ja so wichtig, dass Medien sich zu Fehlern bekennen und sie korrigieren.“ Was so einfach klingt, stößt in der Praxis auf Probleme. Denn zunehmend sehen sich Medien dem Vorwurf ausgesetzt, manipulieren zu wollen. Diese Unterstellung ist Baustein einer Kampagne, resultiert aber auch aus wachsender Unkenntnis über mediales Handwerk. In jedem Fall ist es geboten, etwas dagegenzusetzen, darin war sich bei ihrer aktuellen Tagung in Hamburg die Vereinigung der Medien-Ombudsleute (vdmo.de) einig.

Fehler meint dabei mehr als lässliche Irrtümer. Die Bandbreite dessen, was Medien vorgehalten wird, wächst: Medien fälschen Bilder, Medien betreiben Propaganda für die Regierung oder gleich für ein Weltbild („Linkspresse“). Dafür werden Kampfbegriffe erfunden („Asyltourismus“) oder historisch recycelt („Lügenpresse“).

 

Und der Ton wird aggressiver. Von hasserfüllten Mails und sogar Drohungen berichten Kollegen. Auch NRZ-Chefredakteur Manfred Lachniet hat diese Erfahrung machen müssen und in einem Fall die Polizei eingeschaltet. Die Initiative Tageszeitung, ein Weiterbildungsträger für Journalisten, arbeitet an einem Seminar, das basierend auf Empfehlungen der Staatsanwaltschaft Köln Hintergründe und Handlungstipps aufzeigen will. „Es ist nicht verkehrt, den Rechtsstaat an dieser Stelle zu nutzen“, sagt Professor Pöttker.

 

Aber auch diesseits der Strafbarkeit, gibt es merkliche Verschiebungen. „Wir stellen fest, dass manche Leute ein Problem damit haben, überhaupt andere Meinungen zuzulassen“, sagt Dr. Burkhard Nagel, Qualitätsmanager der Tagesschau in der ARD, Vortragsgast der Tagung. Wie aber kann man Dialog führen mit jemandem, der Debatte mit Machtkampf verwechselt und Google mit Recherche?

 

Die Inszenierung einer alternativen Wirklichkeit ist das eine Problem, das bröckelnde Wissen über Journalismus das andere. Um bei der Tagesschau zu bleiben: Die 20-Uhr-Nachrichten waren einmal das Lagerfeuer ganzer Generationen. Und zusammen mit den Nachrichten sogen Zuschauer - was für Leser und Zeitungen gleichermaßen galt - auch die Art und Weise auf, wie Journalisten arbeiten; ihren Anspruch, Ereignisse und Aussagen zu überprüfen, zu berichten und einzuordnen. Folgende Generationen werden dieses kollektive Erlebnis aber so nicht mehr haben.

 

Selbst unter jungen Akademikern bleiben Tagesschau und Tageszeitung überwiegend ungenutzt. Das bedeutet beileibe nicht, dass junge Menschen nachrichtenfrei leben und leben wollen, ganz im Gegenteil. Die Gefahr besteht vielmehr darin, dass eine Kulturtechnik verloren geht, die der Kitt des gesellschaftlichen Zusammenhalts ist: das allgemeine Wissen um den Wert überprüfter Nachrichten und der Meinungstoleranz. Dieses Wissen muss Formate, Kanäle und Gewohnheiten überdauern.

 

Wie das gelingen kann? Durch die Transparenz, das eigene Tun wieder und wieder zu erklären und auf den Prüfstand zu stellen. In der Zeitung, klar, im Dialog, sicher, vor allem aber frühzeitig, in den Schulen. Was eine Nachricht zur Nachricht macht, dieses Wissen geht nicht nur Journalisten an.

 

NRZ, 30. Oktober 2018
NRZ, 30. Oktober 2018