Ombudsstellen und Leseranwälte in Deutschland heute

Auftaktansprache von Prof. Dr. Horst Pöttker (Universität Hamburg) beim Weltkongress der Organization of News Ombudsmen (ONO) am 5. Mai 2014 in Hamburg:

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Scholz,

dear Mr. President Pritchard,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

meine Damen und Herren,

 

erlauben Sie mir, Sie noch einmal herzlich in meiner Heimatstadt willkommen zu heißen, deren Universität mir erlaubt, die Berufstätigkeit auch nach der Emeritierung fortzusetzen. Ich bin gebeten worden, aus wissenschaftlicher Sicht ein paar Schlaglichter auf die Arbeit von Medien-Ombudsleuten zu werfen, und möchte zwei Themen ansprechen. Das eine ist die Krise der journalistischen Medien infolge des digitalen Umbruchs. Sie betrifft Ombudsleute überall auf der Welt und sollte schon deshalb auf diesem internationalen Kongress nicht übergangen werden. Das andere ist der Stand der Ombudsbewegung in Deutschland.

 

Der deutsche Nationalökonom Karl Bücher hat die Zeitung vor hundert Jahren als ein Wirtschaftsunternehmen charakterisiert, das Anzeigenraum verkauft und dafür dem Publikum einen redaktionellen Teil anbieten muss. Seitdem galt die Faustregel, dass journalistische Medien sich zu zwei Dritteln aus Anzeigeneinnahmen und zu einem Drittel aus Verkaufserlösen finanzieren. Ein Jahrhundert lang haben wir, das Publikum, uns daran gewöhnt, für verlässliche professionelle Information weniger zahlen zu müssen, als das Herstellen solcher Information ohne Werbeeinnahmen eigentlich erfordern würde. Tatsächlich ist das Publikum natürlich auch in den Zeiten der Querfinanzierung durch Anzeigenaufträge für die Kosten des Journalismus voll aufgekommen - über die Preise der beworbenen und von ihm gekauften Waren.

 

Durch das World Wide Web hat sich die Situation grundlegend geändert. Damit Anzeigen vom Publikum wahrgenommen werden, ist es wegen des Gebrauchsnutzens von Suchmaschinen und der Zielgenauigkeit von Kommunikation im Netz nicht mehr nötig, einen redaktionellen Teil mit journalistischer Information daneben zu stellen. Die (Werbe-) Wirtschaft kann sich nun Streuverluste sparen, und der Journalismus könnte sich ganz auf seine Aufgabe konzentrieren, der Allgemeinheit unparteilich zutreffende und umfassende Informationen zugänglich zu machen. Journalistische Medien, die diesen Weg gehen, müssen allerdings den Preis ihrer Produkte wegen des Rückgangs der Anzeigeneinnahmen erheblich erhöhen, was beim Publikum ein Umdenken erfordert, das auf die Einsicht hinausläuft, dass glaubwürdige Information ebenso ihren Lohn verdient wie der Bau von Häusern oder die Produktion von Nahrungsmitteln. Für diesen Lernprozess ist es entscheidend, dass journalistische Information von nicht professioneller Information, die das Netz überschwemmt, für das Publikum klar unterscheidbar bleibt.

 

Ombudsleuten in den Medien bietet diese Situation eine Chance, weil sie den Lernprozess beim Publikum fördern können: einmal dadurch, dass sie durch Beschwerdeentscheidungen zur Professionalität der Information tatsächlich beitragen; und zum anderen dadurch, dass sie dem Publikum verdeutlichen, wozu der Journalistenberuf da ist und welche Bedeutung zutreffende und umfassende Information als Voraussetzung von individueller Lebensgestaltung wie von gesellschaftlicher Selbstregulierung hat. Das erfordert, dass Ombudsleute ihre Beurteilungen selbst auf professionelle Weise öffentlich kommunizieren.

 

Nun zur Situation hierzulande. Vor zehn Jahren hätte diese Konferenz kaum in Deutschland stattfinden können, weil es damals hier noch keinen Ombudsmann bei einer Zeitung gab. 2004 hat Anton Sahlender bei der „Main Post“ als erster damit begonnen. Nicht zuletzt seinem Engagement ist zu verdanken, dass es heute zwölf Ombudsleute bei deutschen Medien gibt, die sich seit regelmäßig treffen und die - unter Federführung des Leseranwalts beim „Hamburger Abendblatt“, Ralf Nehmzow – nun auch diese Tagung möglich gemacht haben.

 

In Deutschland scheint es sich anders zu entwickeln als in den USA, wo z. B. mein Kollege Kenneth Starck von der University of Iowa, der selbst als Ombudsmann für die „Gazette“ in Cedar Rapids gearbeitet hat, parallel zur Zeitungskrise einen Rückgang der Ombuds-Aktivitäten konstatiert, auch weil das Publikum sich nun online selbst an die Redaktionen wenden kann. Allerdings haben die angelsächsischen Länder, was Ombudsleute in den Medien betrifft, immer noch einen Vorsprung. Das zeigt sich u. a. an der Mitgliedschaft der ONO. Während auf der Homepage 20 US-, fünf kanadische und vier britische Ombudsleute stehen, stammen aus Deutschland nur zwei der dort Aufgeführten. Aus der Türkei, wo es – anscheinend zum Ärger der Erdogan-Regierung - bei Medien eine starke Ombuds-Bewegung gibt, kommen immerhin vier. Aus Japan, dem Land mit der höchsten Zeitungsdichte und entsprechend vielen Ombudsleuten, merkwürdigerweise niemand.

 

Lassen Sie mich nun die betreffenden Aktivitäten von drei deutschen Regionalzeitungen vorstellen. Bei den überregionalen Blättern, der „Frankfurter Allgemeinen“ oder der „Süddeutschen Zeitung“ etwa, scheint es diese Methode, die Leser an der Zeitung partizipieren zu lassen, bisher noch nicht zu geben.

 

Auf der Webseite der „Main Post“ (http://www.mainpost.de/specials/ leseranwalt.artikel) finden sich an die 200 Texte aus den letzten fünf Jahren, in denen Sahlender sich mit Leserkritik auseinandergesetzt hat. Ob es sinnvoll ist, nur die allerjüngsten Fälle frei zugänglich zu präsentieren, während der Nutzer für weiter Zurückliegendes komplizierte Bezahlschranken zu überwinden hat, sei dahingestellt – jedenfalls bei dieser auf Leserbeteiligung zielenden Rubrik.

 

Der Leseranwalt Sahlender ist ein klassischer Ombudsmann, der sich nur mit Kritik an seiner Zeitung befasst. Etwa die Hälfte der Texte gilt beanstandeten Verstößen gegen berufsethische Normen, darunter die journalistische Sorgfaltspflicht, der Persönlichkeitsschutz, die Trennung von redaktionellen und werblichen Anteilen, das Unabhängigkeitsgebot, der Informantenschutz usw. Die andere Hälfte sind Antworten auf Leserzuschriften zur Qualität journalistischer Arbeit generell, z. B. zur Nachrichtenauswahl oder zur Ästhetik von Fotos und Texten, wobei Sprachkritik eine besondere Rolle spielt. Der Ombudsmann ergreift dabei die Gelegenheit, dem Publikum die Aufgaben und Probleme des Journalismus näher zu bringen, was mir in der existentiellen Krise des Berufs besonders wichtig erscheint.

 

Sahlender reagiert z. B. auf die Zuschrift einer Leserin, die voll ausgeschriebene Fäkalausdrücke in der Zeitung moniert hatte. Er schreibt dazu, es gelte, damit sparsam umzugehen. Dann kommt er auf den Kern der journalistischen Aufgabe: „Manchmal transportieren sie (die Fäkalausdrücke) aber Realität und sollten ihrer Wirkung nicht beraubt werden. Das gilt gerade für Medien, die die Wirklichkeit möglichst unbereinigt transportieren müssen.“ Weil Fäkalausdrücke keine der 16 berufsethischen Regeln verletzen, die der Pressekodex fixiert, hätte der Deutsche Presserat kaum Gelegenheit zu einer solchen Erläuterung.

 

Bei der „Braunschweiger Zeitung“ kümmern sich zwei Leseranwälte um Beschwerden, ein Redaktionsmitglied und ein außenstehender Jurist, z. Z. Thomas Roth und Dr. Heinrich Kintzi. Das scheint mir wegen der Verbindung von Praxisnähe und Unabhängigkeit ein interessantes Modell zu sein. Die Webseite dieses Ombudsrats (http://www.braunschweiger-zeitung.de/debatte/ombudsrat) ist etwas anders gestaltet als bei der Main Post. Das Publikum muss hier keine Bezahlschranke überwinden, dafür wird ihm eine geringere Zahl an Falldiskussionen angeboten. Man konzentriert sich auf berufsethische Konflikte im engeren Sinne. Bemerkenswert ist, dass dieser Ombudsrat ggf. auch deutlich gegen die Redaktion Stellung nimmt.

 

So gibt er einem Einsender recht, der eine Kürzung seiner Zuschrift zur Einwanderungspolitik bemängelte, weil seine Kritik „an den daraus resultierenden Auswüchsen zu kurz“ komme. Der Leser hatte in seinem Brief „integrationsunwillige Familienclans“ erwähnt und gefragt: „Wieso werden solche Leute nicht rigoros in ihre Heimatländer abgeschoben?“ Dazu die Leseranwälte: „Diese Überlegungen mögen recht zweifelhaft sein, gleichwohl hätte sich empfohlen, auf Ihre Veröffentlichung nicht zu verzichten, um den Sinn des Leseranliegens umfassend zu wahren.“

 

Auch hier wird am konkreten Beispiel auf die Aufgabe des Journalismus hingewiesen, die Welt so transparent zu machen, wie sie tatsächlich ist, einschließlich solcher Auffassungen, die die politische Korrektheit verletzen, aber von einem Teil der Bevölkerung geteilt werden. Sie sichtbar zu machen, sind Leserbriefe ein probates professionelles Mittel.

 

Wiederum einen anderen Charakter hat die Seite unseres Gastgebers, des Leseranwalts beim „Hamburger Abendblatt“ (http://leserbotschafter.wordpress.com) Ralf Nehmzow. Hier finden sich überwiegend Fälle, bei denen es mit Hilfe der Zeitung gelungen ist, die berechtigten Interessen von Lesern gegenüber Behörden, Firmen und anderen Institutionen durchzusetzen. Ob anwaltschaftlicher Journalismus mit dem Selbstverständnis des unbeteiligten Beobachters vereinbar ist und welche der beiden konkurrierenden Berufsauffassungen wie korrigiert werden sollte, muss an anderer Stelle diskutiert werden. Vielleicht ist das Selbstbild des unbeteiligten Beobachters in der digitalen Medienwelt auch überholt und die beiden Varianten des Journalismus können sich sinnvoll ergänzen.

 

Auch Nehmzow kümmert sich aber gelegentlich um kritische Fragen, die das Publikum an die Zeitung selbst richtet. Ein Fall betraf deren Horoskope, bei denen ja Glaubwürdigkeit zweifelhaft ist. Der Leseranwalt in der Rolle des Ombudsmanns stellt dazu klar, dass die Zeitung ja auch eine Unterhaltungsfunktion habe, weshalb das Horoskop nicht auf die Wissensseite gehöre, sondern auf die mit Sudoku und Kreuzworträtseln, wo es sich seitdem befindet. Auch dieser Fall zeigt: Ombudsleute können die Professionalität ihres Mediums durch Antworten auf Publikumsfragen stärken, die nationale Selbstkontrolleinrichtungen nicht auf ihre Agenda setzen würden.

 

Beim Deutschen Presserat sind im Jahr 2013 1.347 Beschwerden eingegangen, davon wurden 465 in den Beschwerdeausschüssen behandelt, zu denen sich einige ehrenamtliche Mitglieder aus ganz Deutschland wenige Male im Jahr treffen. Wäre es nicht an der Zeit, dass der Presserat als Lobby der Medienbranche, die in der Politik und bei Verlegern Einfluss hat, die Implementierung von Ombuds-Räten oder Leseranwälten bei allen journalistischen Medien energisch fordert, um sich selbst auf Problemfälle von nationaler Bedeutung konzentrieren zu können, etwa die Frage, ob die Pressefreiheit im Zusammenhang mit den Enthüllungen Edward Snowdens offensiver verteidigt werden müsste als bisher?

 

Krasse Verletzungen dieser Freiheit wie die Einschüchterung des „Guardian“ durch die britische Exekutive sind in Deutschland bisher nicht bekannt geworden. Aber muss nicht der Presserat, der ja keine (außen)politische Verantwortung trägt, sondern von Journalistengewerkschaften und Verlegerverbänden getragen wird, sich stärker für Edward Snowden als Protagonisten der Kommunikationsfreiheit und des Öffentlichkeitsprinzips einsetzen? Mehr Kraft und Raum für solches Engagement könnte ihm eine Entlastung von Fällen verschaffen, die besser auf lokaler Ebene durch Ombudsleute zu klären wären.

 

Ich danke Ihnen für Ihre Geduld!

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Kommentare: 2
  • #1

    Damon Trueblood (Samstag, 04 Februar 2017 20:11)


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  • #2

    Berneice Vantrease (Samstag, 04 Februar 2017 22:44)


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